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Augsburger Kunstwelten - Kunstsachverständigentag 2018 in Augsburg

Augsburg – Weltkulturerbe, Sitz des ehemaligen Fugger-Imperiums und Heimat der Augsburger Puppenkiste. Hier, einer der ältesten Städte Deutschlands, fand am 13. und 14. Mai der Deutsche Kunstsachverständigentag (KST) im geschichts-trächtigen Rokokosaal des Schaezlerpalais statt. Dr. Frithjof Hampel, Bundesfachbereichsleiter Kunst, Antiquitäten und Juwelen, hatte unter dem Motto „Augsburger Kunstwelten“ den 16. KST federführend geplant und organisiert. Als eine der wichtigsten Veranstaltungen des Bundesverbandes öffentlich bestellter und vereidigter sowie qualifizierter Sachverständiger, war auch der diesjährige KST ein voller Erfolg und fand großen Zuspruch bei den rund 70 Teilnehmern.

„Bereits vor 15 Jahren hat Frau Anita Christl von der IHK Augsburg angeregt, den Deutschen Kunstsachverständigentag in der Brechtstadt zu veranstalten“, erklärte BVS-Präsident Willi Schmidbauer in seiner Begrüßungsrede. „Nachdem wir nun in deutschen Kunstzentren wie Köln, Berlin und Nürnberg waren, freut es mich umso mehr, heute in der europäischen Gold- und Silbermetropole des hohen Mittelalters bzw. der frühen Renaissance zu sein.“ Der KST sei eine bedeutende Veranstaltung für die Sachverständigen, die Kunstszene und den Kunstmarkt als Plattform für die inhaltliche und themenübergreifende Diskussion, den gemeinsamen Austausch und das Netzwerken, so Schmidbauer. In Zukunft wolle man beispielsweise die Themen Wertminderung und Minderwert wieder enger mit dem Thema Kunst verknüpfen. Insbesondere stelle sich die Frage, so Schmidbauer, ob bei einem singulären Objekt wie einem Gemälde ein merkantiler Wertverlust überhaupt ermittelt werden könne. Dieses Thema stelle sich auch für Sachverständige. Im Namen des BVS bedankte sich der BVS-Präsident insbesondere bei Dr. Christof Trepesch, Direktor Kunstsammlungen und Museen Augsburg für die Durchführung im prunkvollen Ambiente des Schaezlerpalais.

Im Anschluss erläuterte Dr. Hampel ebenfalls die Bedeutung der Wertminderung und die Wertbestimmung von Kunstobjekten. „Heutzutage sind ca. 50 bis 60 Prozent der Kunstgegenstände gefälscht. Wir müssen neue Wege bei der Bewertung beschreiten“, so Dr. Hampel. „In Zukunft werden wir noch stärker mit Analysen und Laboren arbeiten müssen, die Fälschungen, Teilfälschungen oder Verfälschungen aufdecken.“ Des Weiteren betonte Dr. Hampel, dass Augsburg als Veranstaltungsort nicht nur interessant sei, weil die Stadt dank der hohen Kunstfertigkeit ihrer Gold- und Silberschmiede zur Kunstmetropole der Renaissance avancierte, sondern auch, aufwendig hergestellte Kunstschränke, Kleinode der Hinterglasmalerei und beeindruckende Kunstwerke in der Fugger-Stadt hergestellt wurden, so dass die Stadt nicht nur Berühmtheit, sondern auch Reichtum erlangte, nicht zuletzt, weil die hohe Qualität der Kunstwerke allseits unter den Kunden geschätzt wurde.

So lautete der erste Vortragstitel von Dr. Annette Schommers, Referentin für Edle Metalle und Hohlglas, Archiv zur Augsburger Goldschmiedekunst, Bayerisches Nationalmuseum München, auch „Was man in Augsburg macht, das muss die Probe halten – Zum Stand der Augsburger Silbermarkenforschung“. „Der Titel stammt aus dem 1740 verfassten Lobgedicht auf die Augsburger Goldschmiedekunst von Philip Jakob I Jäger“, so Dr. Schommers.

„Augsburg hatte zu dieser Zeit einen internationalen Ruf als Goldschmiedemetropole Mitteleuropas. Insbesondere legte das Kunsthandwerk Wert auf die Qualitätsprüfung, welche per Stempelung mit Meister- und Bauzeichen versehen wurde. „Das sogenannte Marken auf Goldschmiedearbeiten bezeugte zunächst die Kontrolle des verarbeiteten Edelmetalls und dessen Reingehalt, also des Rohmaterials. Dies wurde bekannt als die Augsburger Probe“, erklärt Dr. Schommers.

Mit der Einführung der Handwerksordnung durch Kaiser Karl V wurde nicht mehr nur das Material, sondern auch das Gesamtkunstwerk begutachtet. Zudem regelte das erlassene Gesetz die Ausbildung, Erlangung der Meisterwürde und die Bedingungen zum Erwerb der Goldschmiedegerechtigkeit neu. Erst die Goldschmiedemeister durften eine sogenannte Marke führen, die sich dann als Initialen oder eigens geschaffenes „Logo“ auf den gefertigten Kunstgegenständen findet. „Geprüft wurden damit ab 1529 alle Werke, die mehr als 6 Lot Gewicht hatten. Dies entspricht heute ca. 88 Gramm“, erklärte Dr. Schommers.     

„Die Kontrollen führten Geschaumeister durch. Hierzu gab es zum Beispiel auch Materialprobeentnahmen und Analyseverfahren mittels einer Feuerprobe oder Strichprobe, mit deren Hilfe sich der Reingehalt ermitteln ließ, die im Zweifelsfalle zur Beweisführung angewandt wurden.“ Meistermarken, Beschauregister und Stempelungen liegen bis heute in Registern vor. Diese wurden 2007 von Helmut Selig und Stephanie Singer überarbeitet, so dass bislang alle bekannten Marken, darunter 1195 Meisterzeichen, Signaturen und Händlerstempel sowie 371 Bauzeichen dort dezidiert gelistet sind. „Diese Verfahren der Kontrollen, Überprüfungen und Erfassungen zeigen, dass hohe Qualitätsstandards geschaffen und erhalten worden sind. Auch zur Beweiserhebung der Echtheit eines Kunstgegenstandes. Dies ist sicherlich eine Gemeinsamkeit mit dem Sachverständigengutachten, welches Kunstgegenstände objektiv nach messbaren Kriterien bewerten muss“, schloss Dr. Sommers.

Über „Zerbrechliche Kunst – Augsburg und die Hinterglasmalerei“ berichtete im Anschluss Frau Magistra Julia Quandt, wissenschaftliche Mitarbeiterin Kunstsammlungen und Museen Augsburg und Projektleiterin Hinterglaskunst, Deutsche Barockgalerie. Das Rohmaterial Glas galt im 16. Jahrhundert als Kostbarkeit. Aus Rohglas gefertigte Hinterglasarbeiten waren daher dem Adel und Klerus vorbehalten. „Durch die wirtschaftliche Entwicklung der Freien Reichsstadt Augsburg zu einem druckgrafischen Zentrum, konnte die Hinterglasmalerei zur Blüte gelangen“, so die Kunsthistorikerin Quandt. Hinterglasmalerei bezeichnet jegliche, auf der Rückseite eines transparenten Bildträgers aufgeführte Malerei. Als Bildträger wurde eine Glasscheibe gewählt. „Beim Malen hinter dem Glas muss die Farbe spiegelverkehrt aufgetragen werden“, erläutert Julia Quandt. Venetien und Tirol waren im 16. Jahrhundert die bedeutendsten Glasproduktionsstätten.

Für die Hinterglasmalerei wurden zunächst vorwiegend religiöse Motive gewählt. In der weiteren künstlerischen Entwicklung kamen beispielweise Natur- und Personenmotive hinzu. „Namentlich sind 28 Augsburger Hinterglasmaler bekannt“, so Julia Quandt. „Eingeführt wurde die Glasmalkunst vom Nürnberger Nicolaus Solis, der die Technik der Blattgoldradierung 1565 aus seiner fränkischen Heimat in die Freie Reichsstadt gebracht haben soll.“ Auch für die in Augsburg gefertigten Hinterglasbilder gilt: hohe malerische Qualität und beste Verarbeitung. Ab Ende des 18. Jahrhunderts endete die Blütezeit der Hinterglasmalerei, weil die Nachfrage nach günstigeren Bildern in größeren Mengen stieg.

Dem Thema „Provenienzforschung und Restitutionsfragen am Maximilianmuseum Augsburg“ widmete sich Magister Horst Keßler, Historiker, Kunstsammlungen und Museen Augsburg der Abteilung Provenienzforschung. „Die Kunstsammlungen und Museen Augsburg haben sich zur Aufgabe gemacht, die Provenienzen von Objekten die in den Jahren 1933 bis 1945 in den einzelnen Häusern, darunter auch das Maximilianmuseum, eingegangen sind, zu untersuchen, zu klären und zu vervollständigen“, so der Historiker. In der Praxis bedeutet dies, die Eigentümerwechsel in dieser Zeit zu klären, die Erwerbsumstände zu rekonstruieren und die beteiligten Personen zu recherchieren. Hierfür verwendet das Maximilianmuseum hauseigene Unterlagen, die Dokumente des Augsburger Stadtarchivs und diverse Datenbanken wie zum Beispiel die des Deutschen Historischen Museums. Horst Keßler schilderte, dass zwischen 1939 und 1943 vier sogenannte Judenaktionen stattfanden, bei denen zunächst die Auslieferung von Schmuckgegenständen angeordnet und im zweiten Schritt die Entziehung von allen Wertgegenständen durchgeführt wurde. Wie deutschlandweit wurden im Anschluss die Juden ausquartiert und in sogenannte Judenhäuser verbracht. Von dort aus erfolgte die Deportation in Internierungs- und Vernichtungslager. „Die beschlagnahmten Gegenstände wurden unter die Verwaltung des Augsburger Finanzamtes gestellt“, erklärte Horst Keßler. „Schmuck und Edelmetalle wurden an die Staatliche Münze Berlin weitergeleitet; Kunst- und Kulturgegenstände in das Inventar der Kunstsammlungen aufgenommen.“

Am Beispiel eines Portraits des Adriaen de Vries von einem unbekannten Maler, welches sich im Besitz von Heinrich Werner, jüdischer Abstammung, befand, zeigte Horst Keßler auf, wie akribisch und teilweise mühevoll die Recherche ist, da zahlreiche Verschleierungstaktiken der Nationalsozialisten, inkl. Urkunden-fälschungen und Urkundenvernichtungen, die Rekonstruktion erschweren. „Bis heute gibt es im Bestand der Kunstsammlungen und Museen Augsburg etliche Objekte, zu denen die Recherchen weiterhin lückenhaft sind und weitere Untersuchungen erfordern“, erklärt Horst Keßler. Die weitere Forschung und Aufklärung sei daher insbesondere wichtig. Von einem positiven Fall berichtete der Historiker ebenfalls – so sei im Falle des Kunstobjektes „Ziergefäß in Form einer Muschel“ von Michael Mair um 1700 die Recherche erfolgreich gewesen und eine Einigung mit der Erbengemeinschaft erreicht worden, so dass die Schale als Sammelobjekt im Haus behalten werden konnte.

Wie sehr Kunst und Image schon verbunden sind, zeigte Dr. Daniel Hess, Leiter der Sammlung Gemälde bis 1800/Glasmalerei, Stellvertreter des Generaldirektors, Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, in seinem Vortrag „Auf der Suche nach dem authentischen Luther – Lutherbildnisse auf dem Prüfstand“ auf. Gemäß des Titels stellte Dr. Hess die Frage, welches der vielen Bildnisse Luthers das authentischste sei respektive den Reformator naturgetreu widergebe. Seine Schriften verbreitete Luther dank des Buchdrucks, welcher als neues Medium die Vervielfältigung von Schriften revolutionierte. Bilder des Augustinermönchs wurden vor allem von dem Maler Cranach und im Weiteren von dessen Sohn Hans erstellt. Luthers Bildnisse zeigen ihn in Mönchskutte mit und ohne Tonsur, mit und ohne Bart, mit und ohne Bibel, mit Doktorhut und ohne. „Die Bilder zeigen Momentaufnahmen Martin Luthers und sollen gleichsam seinen Weg vom Ordensmann zum Reformator darstellen. Einhergehend mit der innerlichen Wandlung, soll diese auch äußerlich gezeigt werden. Das Bildnis als Image“, erklärt Dr. Hess. Als eines der ältesten und auch bis dato als authentischsten Bilder Luthers galt das im Germanischen Nationalmuseum befindliche Bild des jungen Luther, welches den Reformator am Wendepunkt seines Lebens zeigt (ca. 1522-1525).

„Kunsthistorische und kunsttechnologische Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass auch bei der Entstehung dieses Portraits eine zur damaligen bei vielen Bildern verwendete Schablone zu Grunde lag“, erklärt Dr. Hess. „Es ist also kein Zustandsbild, sondern illustriert einen bestimmen Moment in Luthers Leben, und dient der Heroisierung und Verehrung des Reformators. Das haben auch Material- und Ausführungsprüfungen ergeben.“ Ein authentisches Abbild Martin Luthers, das ein für unsere Begriffe genaues Portrait zeigt, kennt die Nachwelt daher bis heute nicht. Image war zur damaligen Zeit ein ebenso bedeutendes wie gängiges Meinungsbildungsinstrument wie heute.

Im Anschluss gab Dr. Christina von Berlin, wissenschaftliche Mitarbeiterin Kunstsammlungen und Museen Augsburg und Projektkoordinatorin am Maximilianmuseum Augsburg wichtige Einblicke in die Entstehungsgeschichte und handwerklichen Ausführung der sogenannten Türkenuhr – ein Augsburger Prunkkabinett von 1670. Die Uhr, Zeugnis des späten 17. Jahrhunderts, ist ein Zeitzeuge der herausragenden Augsburger Goldschmiedekunst und gilt bei den Besuchern des Maximilianmuseums als ein ausgemachtes Lieblingsstück.

Ein erhaltender Kupferstich beschreibt detailgenau die Pracht und Ausstattung des Kunstobjektes, inklusive der dezidierten Auflistung aller verarbeiteten edlen Steine. Insgesamt wurden 2.932 Edelsteine verarbeitet, welche diese Kostbarkeit schmücken. Des Weiteren wurden Ebenholz und Elfenbein verarbeitet und 300 Zifferblätter eingefügt. Eine Vielzahl von verschiedenen Handwerksmeistern war nötig, dieses Kunstobjekt zu fertigen, welches ca. zwei bis drei Jahre in Anspruch nahm. „Von der Ausführung her ist die Uhr golden, bunt, mit zahlreichen Verzierungen und trifft daher eher den venezianischen Geschmack“, erklärt Dr. Christina von Berlin. „Der 1530 nach Augsburg eingewanderte Uhrmacher David Busch Mann Augusta – altes Uhrmacher-Geschlecht, ist der Erbauer des Uhrwerks und gehörte zu den gut bis sehr gutverdienenden Meistern Augsburgs. Des Weiteren war der Goldschmied Samuel Frey an der Fertigung beteiligt“ Auffällig sind die zahlreichen Mohr-Figuren sowie der vergoldete Silberguss des Reiters auf der Uhr, der ebenfalls mit Turban gezeigt wird.

„Ein solches umfassendes Kunstwerk konnte nur vom Wiener Kaiserhaus in Auftrag gegeben werden. Davon gehen wir heute aus. Kaiser Ferdinand I hat mit Tributzahlungen an die Hohe Pforte am Bosporus Frieden erkauft, um den Sultan von Raubzügen nach Europa abzuhalten. Exquisite Automaten-Uhren wie die Türkenuhr trafen den orientalischen Geschmack.“ Völlig unerwartet tauchte die Türkenuhr, auch das Prunkkabinett genannt, 1968 aus einem Privatbesitz im prekären Zustand auf und wurde 2008-2009 aufwendig restauriert. „Wo das Prunkkabinett vor 1968 war, wissen wir nicht. Es braucht Zeit und Geduld, diese Stationen nachzuzeichnen. Sicher ist, dass die Türkenuhr ihren letzten Standort in unserem Museum erreicht hat, weil sie nicht mehr transportfähig ist“, so Dr. Christina von Berlin.

Abschließend gaben Dr. Christof Trepesch und Georg Rehm, geschäftsführender Gesellschafter Auktionshaus Rehm, Anekdoten aus der Kunstsprechstunde im Schaezlerpalais zum Besten und berichteten von dem Erfolg der sogenannten Kunstsprechstunde: „Wir verbinden mit der monatlich stattfindenden Veranstaltung Öffentlichkeitsarbeit, Flohmarkt, Kunsthandel und Museumsarbeit“, so Dr. Trepesch. Bürgerinnen und Bürger können ihre Schätze präsentieren und die Experten geben ihre Einschätzung, beraten zu Lagerung oder Pflege und vermitteln weitere Ansprechpartner.  „Kunst berührt uns täglich und ist vielfältig. Kunst liegt uns am Herzen“, so Dr. Trepesch. Seit 2005 kommen die Augsburger jeden ersten Dienstag im Monat zur Kunstsprechstunde und möchten auch eine Werteinschätzung haben. „Wir erleben es auch immer wieder, dass wertvolle Kunstobjekte gebracht werden. Das freut uns natürlich. Auch haben wir mittlerweile regelrechte Stammgäste.“, sagt Georg Rehm.

Deutlichen Anklang fand bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern auch das begleitende Programm, welches bereits am Vortag stattfand. Ein besonderes Highlight war hier der Empfang im Goldenen Saal des Rathauses durch den Oberbürgermeister sowie die Besichtigung der Fuggerei.

Zum Ende des 16. Deutschen Kunstsachverständigentages bedankten sich die Ausrichter und insbesondere Bundesfachbereichsleiter Dr. Frithjof Hampel für den regen Austausch, die hochkarätigen Fachvorträge und die erfolgreiche Ausführung. Der 17. KST findet 2020 statt. Als potentieller Ausrichtungsort wurde Venedig vorgeschlagen.

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