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Glyphosat – Verunsicherung wegen des Unkrautvernichters

Nützliches Herbizid oder karzinogene Substanz – an Glyphosat scheiden sich die wissenschaftlichen Geister. Vor allem aber ist es die erhebliche Verunsicherung und Skepsis der Bevölkerung, die das einst hochgelobte Unkrautvernichtungsmittel auf Grund widersprüchlich publizierter Studien in Verruf geraten ließ, und dessen Zulassung nun nach EU-Beschluss Ende 2017 endet. Der BVS (Bundesverband der öffentlich bestellten und vereidigten sowie qualifizierten Sachverständigen e.V.) nimmt die Diskussion um die Substanz als Anlass, aufzuklären, zu informieren und zu betonen, wie wichtig branchenübergreifend, respektive interdisziplinär die Beratung durch unabhängige und kompetente Sachverständige ist.*

Herbizid – seit 42 Jahren kommerziell genutzt

Die Substanz Glyphosat gehört zu den am häufigsten eingesetzten Herbiziden in der Landwirtschaft und findet breitflächig im Ackerbau Verwendung, z.B. unter dem Handelsnamen „Round-up“. Untersuchungen des Deutschen Fruchthandelverbandes (DFHV) haben ergeben, dass der Wirkstoff auf ca. 40 Prozent aller Ackerflächen zu finden ist, bei bestimmten Körnerleguminosen wie Bohnen, Erbsen oder Linsen liegt die Auffindbarkeit der Substanz sogar bei 70 bis 80 Prozent. Glyphosat wird weltweit als synthetisches Instrument zur Bekämpfung von Unkräutern eingesetzt und ist seit 1974 in der Bundesrepublik zugelassen. Mit einem jährlichen Verbrauch von rund 15.000 Tonnen ist der Wirkstoff Glyphosat das am häufigsten genutzte Herbizid in Deutschland. Derzeit gibt es rund 83 glyphosathaltige Präparate (Formulierungen) auf dem deutschen Markt, wovon 45 für den Haus- und Kleingartenbereich zugelassen sind. Die EU hat erstmals 2002 den Wirkstoff zugelassen mit einer Laufzeit von 13 Jahren. Ende 2015 wurde die Einsatzzeit nochmals verlängert.

Toxische Wirkung des Unkrautvernichtungsmittels

Glyphosat, eine Säure bzw. ein Salz bestehend aus den beiden Komponenten Glycin und Phosphonat, wird von den Pflanzen nicht über die Wurzeln, sondern über die Pflanzenoberfläche aufgenommen. Nach ca. einer Woche sind bei der Pflanze toxische Effekte sichtbar, wie das Welken der Blätter bis hin zum kompletten Absterben der Pflanze. Eingesetzt werden darf das Pestizid im Acker-, Obst-, Gemüse- und Weinanbau. Bei dem Anbau von Hopfen ist es generell verboten.

Einstufung und Ermittlung potentieller Gesundheitsgefährdung

Für die Ausbringung von Glyphosat auf den Ackerflächen werden sogenannte Formulierungshilfsstoffe verwendet. Sie erleichtern die Aufnahme des eigentlichen Wirkstoffs. Bei der Kombination von Glyphosat und einem Formulierungshilfsstoff - unter anderem werden Tallowamine als Unterstützung eingesetzt - kann eine toxische Wirkung nicht ausgeschlossen werden. Erhöhte Rückstandsmengen des Herbizides finden sich dann in dem Nahrungsmittel wieder, wenn beispielsweise zu früh nach Ausbringung des Unkrautvernichters geerntet wird. Glyphosat ist generell biologisch abbaubar, allerdings braucht es eine gewisse Zeit, bis dies erfolgt (ca. 2 Prozent in 28 Tagen, abhängig von den Milieubedingungen). Verschiedene wissenschaftliche Organisationen haben gemeinschaftliche und auch unabhängige Studien zum Wirkstoff erhoben. Zur Verunsicherung und Irritation kam es, weil diese zu differenzierten Ergebnissen - auf Grund unterschiedlicher Ansätze und Herangehensweisen - kamen.

Kontroverse Ergebnisse und Verunsicherung in der Bevölkerung

Ist Glyphosat gesundheitsschädlich und krebserzeugend? Schadet das Unkrautvernichtungsmittel der Umwelt und Artenvielfalt? Wo Pflanzengifte eingesetzt werden, um Kulturpflanzen zu schützen, ist immer ein Streufaktor gegeben, der sich schädlich auswirken kann oder auswirkt. Die möglichen Gesundheitsrisiken für den Menschen werden derzeit neu überprüft. Die toxikologische Studie des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) besagt, dass Glyphosat allein betrachtet als toxikologisch wenig bedenklich gilt. Aktuell erfolgt die turnusmäßige Neubewertung von Glyphosat im Rahmen der EU-Wirkstoffprüfung. 150 neue Dokumente und über 900 neu in wissenschaftlichen Zeitungen publizierte Ergebnisse fließen in die Neubewertung mit ein, die das BfR in der zweiten Studienversion erstellt hat. Das BfR kommt hier zu dem Resultat, dass es keine Hinweise auf krebserzeugende, reproduktions-schädigende oder fruchtschädigende Wirkung durch Glyphosat bei den Versuchstieren gibt und eine Korrektur der toxikologischen Dosen – hierzu zählt die duldbare tägliche Aufnahmemenge (TDI) – nicht indiziert ist. Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC), eine Einrichtung der WHO (Weltgesundheitsorganisation), teilte 2015 mit, dass sie Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ einstuft, unter Berufung auf diverse, öffentlich zugängliche epidemiologische Studien und insbesondere auf tierexperimentelle Studien der Industrie. Diese Studien hätten allerdings laut BfR dem IARC nicht im Original vorgelegen. Die unterschiedlichen wissenschaftlichen Risikoab-schätzungen sind zurück zu führen auf unterschiedliche Herangehensweisen. So verwendete das IARC zur Beurteilung der Toxizität beispielsweise Formulierungen mit dem Wirkstoff Glyphosat, wohingegen das BfR die Reinsubstanz Glyphosat als Basis ansetzte. Die unterschiedlichen Ergebnisse führten in der Bevölkerung zu großer Verunsicherung. Unter Einbeziehung aller Studienergebnisse kam jüngst die WHO nach erneuter Prüfung zu dem Ergebnis, dass für den Menschen kein Risiko besteht. Die kontroverse Diskussion und Verunsicherung zeigt jedoch nachhaltig die große Skepsis der Verbraucher.

Einschätzung und Unterstützung des BVS

Generell wäre es wünschenswert, wenn die Durchführung wissenschaftlicher Studien nach zuvor festgelegten, einheitlichen Parametern für eine zuverlässige Einschätzung erfolgt. Oder – sollte dies nicht der Fall sein – ausführlich erklärend auf die unterschiedlichen Bewertungsarten hingewiesen wird, die folglich auch zu differenzierten Schlussfolgerungen führen können. Öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige können hier einen erheblichen Beitrag leisten, da sie weisungsunabhängig und unparteiisch agieren und über überdurchschnittliche Fachexpertise verfügen. Hier sind insbesondere die Bestellungsgebiete Umwelttechnik, Bodenphysik, Bodenuntersuchungen auf Stoffbelastungen, Altlasten, Bodenuntersuchungen auf Schadstoffbelastungen, Gefährdungsabschätzung für die Wirkungspfade Boden-Gewässer, Boden-Pflanze und Boden-Mensch etc. ergänzend hilfreich.

* Differenziertes Hintergrundwissen zum Thema Glyphosat lieferte ein Sachverständiger, der Mitglied im BVS und öffentlich bestellt und vereidigt für chemische Innenraumstoffe ist und ein unabhängiges Labor (nach DIN EN ISO/IEC 17025 akkreditiert) leitet, welches leistungsfähige Routineanalytik und gutachterliche Dienstleistungen sowie wissenschaftliche Methoden-entwicklungen anbietet. Das Labor unterstützt generell bei analytischen Fragestellungen.

Bundesverband öffentlich bestellter und vereidigter
sowie qualifizierter Sachverständiger e.V. (BVS)
Willi Schmidbauer, BVS-Präsident
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