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BVS: Der Energieausweis – gut gemeint und doch nicht nützlich

Der Energieausweis verspricht mehr Transparenz für den Verbraucher. Doch was als gute Idee eingeführt wurde, weist in der Praxis viele Lücken auf. Dipl.-Ing. Helge-Lorenz Ubbelohde, öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Schäden an Gebäuden, erklärt die Tücken und erläutert die Forderung des BVS* nach einer Neuregelung.

Herr Ubbelohde, warum wurde der Energieausweis eingeführt und welche Änderungen gibt es hier seit Mai 2014?

Der Energieausweis soll als Richt- und Hilfsmittel für Verbraucher fungieren, Ziel der Einführung war es, Verbraucherdaten eines Objektes wie zum Beispiel die Heizkosten transparent zu machen. So können beispielsweise zwei Wohnungen hinsichtlich der Verbrauchsdaten verglichen werden. Dies ist im Zuge steigender „Nebenkosten“ relevant bei einem Wohnungswechsel oder Hauskauf. Seit 2009 hat der Mieter das Recht auf Vorlage eines Energieausweises durch den Vermieter. Auch können Neumieter oder Käufer Einsicht in den Energiesparausweis einfordern. Der Grundgedanke der Einführung des Energieausweises ist lobenswert; die Umsetzung muss man jedoch als Phrase bezeichnen. Daher fordern wir als Bundesverband öffentlich bestellter und vereidigter sowie qualifizierter Sachverständiger e.V. eine Reform des Energieausweises und damit der Energieeinsparverordnung (EnEV). Mit der Einführung der EnEV 2014 ergeben sich für den Verbraucher keine Änderungen.

Ein Energieausweis ohne Nutzen – können Sie dies genauer erläutern?

Gern. Hier gibt es einige Kritikpunkte. Die Energieausweise existieren in zwei Varianten: bedarfsorientierte und verbrauchsorientierte Ausweise. Die bedarfsorientierten Energieaus-weise basieren auf vorgegebenen Berechnungsmethoden, um den Energieverbrauch zu berechnen, anhand von vorgegebenen Parametern. Sie sind daher als objektiv und vergleichbar zu bewerten. Das individuelle tatsächliche Nutzerverhalten findet bei dieser Variante keine Berücksichtigung. Der verbrauchsorientierte Ausweis richtet sich – wie der Name schon sagt – nach dem individuellen Verbrauch und ist damit abhängig vom Nutzer und von dessen Angaben. Diese Angaben sind entsprechend sehr individuell und damit auch nicht aussagekräftig, weil die Bewertung nicht auf objektiven Kriterien beruht. Im Prinzip ist also dem Verbraucher nur geholfen, wenn er einen bedarfsorientierten Energieausweis vorliegen hat und diesen mit einem anderen bedarfsorientierten Hinweis vergleichen kann. Da jedoch beide Methoden bzw. Energieausweise zugelassen sind, ergibt sich hieraus ein noch größeres Problem. Ich erkläre dies an einem Beispiel: Sie wollen eine Wohnung neu beziehen und haben sich hierfür zwei Objekte ausgesucht. Beide Vermieter legen Ihnen einen Energieausweis vor. Vermieter A legt Ihnen einen bedarfsorientierten Energieausweis vor, Vermieter B einen verbrauchsorientierten. Das ist ein Vergleich von Äpfeln mit Birnen. Da die Ermittlung der Verbraucherwerte einmal auf objektiven und einmal auf subjektiven Angaben beruht, haben Sie keine Vergleichsmöglichkeit. So wird die gute Idee der Einführung des Energieausweises ad absurdum geführt. Daher fordern wir als BVS den einheitlichen bedarfsorientierten Energieausweis, damit der Verbraucher eine objektive Bewertung vornehmen kann.

Sie sprachen von mehreren Kritikpunkten. Können Sie weitere nennen?

Selbstverständlich. Ein weiterer Punkt ist, dass de facto keine inhaltlichen Kontrollen stattfinden und es keine Regelungen gibt, in welchen zeitlichen Abständen ein Energieausweis erneuert werden muss. Natürlich wird bei Neubauten die Einhaltung der EnEV beachtet. Aber auch neue Häuser oder Wohnungen kommen in die Jahre und sollten in regelmäßigen Abständen überprüft werden. Zudem herrscht beim Verbraucher eine große Verunsicherung.

Das ist unsere nächste Frage: Wer braucht einen Energieausweis und woher bekommt man diesen?

Jeder Haus- und Wohnungseigentümer ist gesetzlich verpflichtet, einen Energieausweis zu besitzen. Dies ist gesetzlich so definiert und das Fehlen eines Energieausweises ist eine Ordnungswidrigkeit. Wer einen Energieausweis ausstellt, ist in der EnEV gelistet. Bei den zuständigen Landesministerien erhält der Verbraucher weitere Auskünfte. Auch Energieagenturen bieten in ihren Infocenter Beratungen an. Generell sollte man auf eine kompetente, professionelle und objektive Beratung setzen. Daher empfiehlt es sich, öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige zu beauftragen, die weisungsfrei arbeiten und über die nachgewiesene Sachkunde verfügen.

Ist dies kostenaufwendig? Was halten Sie von den Energieausweisen, die es im Internet gibt?

Die Bewertung ist natürlich immer objektabhängig. In der Regel werden immer Objekte mit mehreren Wohnungen bewertet. Bei einem Mehrfamilienhaus mit sechs Parteien kann man pro Partei, also je Wohnung, von ca. 300,00 bis 400,00 Euro ausgehen. Das macht dann eine Gesamtsumme bis zu ca. 2.400,00 Euro. Natürlich werden die unterschiedlichsten Objekte bewertet und da diese sich unterscheiden, ist eine Kostenrichtung vorher schwer zu prognostizieren. Die Bewertung durch einen öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen ist hier objektiv und hat Bestand. Im Internet hingegen gibt es Energieausweise ab 25,00 Euro. Diese Ausweise gehören zur Kategorie verbrauchsorientierte Energieausweise. Entsprechend gibt der Verbraucher seine individuellen Werte an, die dann im Energieausweis eingetragen werden. Da das Nutzerverhalten enormen Einfluss auf die Werte hat, sind diese Angaben im Prinzip völlig nutzlos. Der Manipulation sind hier dann Wege und Türe offen …

Sie plädieren für die Beratung durch einen öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen. Können Sie hierfür weitere Gründe nennen?

Zum einen hat der öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige durch seine Vereidigung in besonders umfangreicher Weise seine Befähigungen nachgewiesen. Nicht umsonst fungieren diese Sachverständigen auch als Gerichtssachverständige. Neben dem überdurchschnittlichen Fachwissen kommt die objektive und weisungsfreie Bewertung hinzu. Zudem können die Sachverständigen hier nicht nur einen Energieausweis ausstellen, sondern können zum Beispiel auch eine Kosten-Nutzen-Analyse erstellen und eine Energieberatung durchführen.

Was macht der Verbraucher, wenn er bei einem bedarfsorientierten Energieausweis besonders hohe Werte hat? Muss er energetische Einsparungen vornehmen?

Nein. Der Energieausweis verpflichtet in keiner Weise zu baulichen oder technischen Veränderungen.

Herr Ubbelohde, Ihr Fazit zum Energieausweis?

Eine gute Idee, die allerdings für eine nachhaltige und professionelle Umsetzung in verschieden Punkten überarbeitet werden muss. Hierzu zählen: einheitlicher bedarfsorientierter Ausweis, Prüfung durch einheitliche Kontrollen und Definition zeitlicher Abstände zur Überprüfung. Wir als BVS setzen uns daher für diese Regelungen ein.

Herr Ubbelohde, vielen Dank für das Gespräch!

 

* BVS – Bundesverband öffentlich bestellter und vereidigter sowie qualifizierter Sachverständiger e.V.