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Meinungen von Sachverständigen

Original oder Fälschung? Wertvoll oder wertlos? Die professionelle Bewertung von Kunstgegenständen kann nur ein qualifizierter Sachverständiger beurteilen.

Dr. Frithjof Hampel, öffentlich bestellter und vereidigter Kunstsachverständiger gibt Einblicke in die Tätigkeit der Kunstbewertung.

Ein altes Gemälde, ein antikes Möbelstück oder der orientalische Teppich – hier muss der Laie einen Fachmann zu Rate ziehen, der die Echtheit überprüfen und den Wert schätzen kann. Der Markt ist groß und die Suche nach einem professionellen Sachverständigen oft eine Herausforderung. Öffentlich bestellte und vereidigte (ö.b.u.v.) Kunstsachverständige verfügen nachweislich über eine der höchsten Qualifikationen durch ihre Bestellung. Sie arbeiten unparteiisch und weisungsfrei und werden daher auch von Gerichten beauftragt. Der Bundesverband öffentlich bestellter und vereidigter sowie qualifizierter Sachverständiger e. V. (BVS) hat eigens einen Bundesfachbereich Kunst, in dem ö.b.u.v. Sachverständige organisiert sind. Bundesfachbereichsleiter Dr. Frithjof Hampel gibt einen Einblick in die Tätigkeit des Kunstsachverständigen, erklärt die Überprüfungs- und Fälschermethoden und schätzt auch die Kriminalitätsrate ein.

 

Herr Dr. Hampel, was ist ein Kunstsachverständiger?

 

Er ist ein Sachverständiger, dem, um es allgemein auszudrücken, die Themenbereiche alte und moderne Kunst sowie Antiquitäten zuzuordnen sind, wobei die Themenbereiche in Sachgebiete untergliedert sind, in denen der öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige vereidigt ist.

 

Wie wird man Kunstsachverständiger?

 

Zunächst lässt sich feststellen, dass die Berufsbebezeichnung „Kunstsachverständiger“ gesetzlich nicht geschützt ist. Im Gegensatz zum sozusagen selbsternannten Kunstsachverständigen ist es ein wesentliches Merkmal des durch die Industrie- und Handelskammer vereidigten Kunstsachverständigen, dass er sich einem außerordentlich anspruchsvollen Prüfungsverfahren der Industrie- und Handelskammer zu unterziehen hat, in dem er praktische und theoretische Kenntnisse aus dem Gesamtbereich Kunst und Antiquitäten nachzuweisen hat. Kunstsachverständige sind in den meisten Fällen Kunsthistoriker, aber auch Restauratoren oder kommen aus dem Kunst- und Antiquitätenhandel. Sie verfügen über profunde Kenntnisse ihres jeweiligen Gebietes sowie über eine langjährige Berufs- und Praxiserfahrung.

 

Wie sieht die Tätigkeit des Kunstsachverständigen aus? Wer ist Auftraggeber für ein Gutachten?

 

Für die Tätigkeit des Kunstgutachters lassen sich drei Hauptbereiche herausfiltern:

 

 

1. Der vereidigte Kunstsachverständige als Privatgutachter

 

Für den Kunstsachverständigen als Privatgutachter kommen im Wesentlichen folgende Tätigkeitsfelder in Betracht:

Zunächst die Gutachtenerstellung und Wertermittlung von Kunstgegenständen und Antiquitäten in Privathaushalten. Oftmals ist es im Fall einer gewünschten Veräußerung das Anliegen des Auftraggebers, den aktuellen Wert der Objekte zu erfahren. In diesem Fall muss der Kunstsachverständige sorgfältige Recherchen im Kunst- und Auktionshandel durchführen, um dem Auftraggeber die bestmöglichen Verkaufsmöglichkeiten zu benennen. Aber auch im Erb- und Nachlassfall soll seine neutrale Wertermittlung dazu beitragen, eine gerechte Verteilung unter den Erbberechtigten vorzunehmen. Sehr oft tätig wird daher der Kunstsachverständige für Testaments- und Nachlassverwalter, in deren Auftrag er die Wertermittlung von Kunstgegenständen und Antiquitäten vornimmt.

 

2. Der vereidigte Kunstsachverständige im Versicherungswesen

 

Die Ermittlung von Wiederbeschaffungs- und Zeitwerten erfolgt für das Versicherungswesen aus der Notwendigkeit heraus, durch Umzug, Brand, Wasser sowie Einbruch/Diebstahl verursachte Schäden an Kunstgegenständen und Antiquitäten zu ermitteln, um eine Regulierung durchführen zu können. Ein weiteres wichtiges Tätigkeitsfeld des Kunstsachverständigen für die Versicherungswirtschaft ist außerdem die private Hausrat- oder Vorsorgeschätzung. Aufgrund seiner fundierten Fachkenntnisse des Kunst- und Antiquitätenmarktes stellt der Kunstsachverständige den jeweiligen Wert von Kunst und Antiquitäten fest, um für den Abschluss einer privaten Hausrat- oder Kunstversicherung die zutreffende Versicherungssumme zu ermitteln.

 

3. Der vereidigte Kunstgutachter vor Gericht

 

Hier seien nur die Fälle aufgeführt, in welchen der Kunstsachverständige zumeist tätig wird: Nachlassauseinandersetzungen und Ehescheidungs-Streitigkeiten beim Kauf von Kunst und Antiquitäten. Gerade bei allgemeinen Online-Auktionshäusern haben solche gerichtlichen Auseinandersetzungen stark zugenommen.

 

Wie erkennt ein Kunstsachverständiger eine Fälschung? Auf welche Kriterien ist hier zu achten?

 

Der Kunstsachverständige muss bei der Bewertung auf viele Kriterien achten. Zur genauen Begutachtung gehören gründliche Recherchearbeiten und wissenschaftliche Analyseverfahren. Allgemein zählen hierzu:

·         stilistische Untersuchung bzw. stilkritische Hinterfragung

·         Labor-Untersuchung zum Zustand und der Beschaffenheit (verschiedene Licht-, Material- und Farb-Analysen), welche in der Vergangenheit viel zu wenig beachtet wurden, denn sonst hätte es nicht solche spektakulären Fälscher-Skandale wie die Beltracchi-Affäre gegeben.

·         Provenienzforschung: Ist ein Bild im Werkverzeichnis des Künstlers aufgeführt? Die Vita eines Kunstwerkes? Wem hat es in der Vergangenheit gehört? Wo und wann ist es in der Vergangenheit im Kunsthandel schon aufgetaucht?

·         bei Möbeln: technische Verarbeitung (Holzverbindungen, Oberfläche  mit Schellackpolitur oder mit Spritzlacken und dann per Hand auspoliert, Ergänzungen und Verschönerungen, Spuren moderner Verarbeitung, wie z. B. moderne Sägespuren, etc.)

 

Wie agieren Fälscher, wie kann man fälschen?

 

Nehmen wir zum Beispiel den bekannten Fälschungsfall Beltracchi: Hier wurde zunächst eine Sammlung vorgetäuscht (die Sammlung Jäger hat es nie gegeben). Diese Fälschungen wurden dann so dokumentiert, dass an die Echtheit geglaubt wurde. Als besonders dreist wurden bei der Aufklärung die Fotoaufnahmen in Sepia-Farben angesehen. Beltracchi und seine Frau verkleideten sich als die eigenen Großeltern, drapierten die gefälschten Bilder im Hintergrund und fertigten von diesem in Szene gesetzten Bild Fotoaufnahmen als fingierten Beweis. Auch werden beispielsweise alte Materialen vorgetäuscht. Hierzu zählen zum Beispiel alte Leinwände, erworben auf Flohmärkten oder alte Farbpigmente aus Werkstattauflösungen.

 

Ein offenbar lohnendes Geschäft mit der Kunst. Können Sie schätzen, wie hoch die Kriminalitätsrate ist? Gibt es hier organisiertes Verbrechen?

 

Kunstfälschung in puncto alter und moderner Kunst wird, was den nationalen und internationalen Kunstmarkt anbelangt, auf bis zu ca. 40 Prozent geschätzt, wobei der Prozentsatz bei Grafiken noch weitaus höher liegt. Kunstfälschung ist international organisiert. Als Beispiel kann ich die so genannten russischen „Suprematisten“ (konstruktivistische Kunst der 20er und 30er Jahre) nennen. Fälschungen in Russland werden oftmals in Auftragsarbeit durch Kunststudenten angefertigt und über Verkäuferringe im europäischen und amerikanischen Kunstmarkt abgesetzt. Die Kunstkriminalität, gerade im Bereich der Kunstfälschung, hat in den letzten Jahren sehr stark zugenommen und ist von der Größenordnung her inzwischen mit dem Drogenhandel gleichzusetzen.