Pressemitteilungen

Meinungen von Sachverständigen

13. Kunstsachverständigentag 2012: Enteignung privater Kunstsammler in der DDR ist noch nicht aufgearbeitet

Berlin, 27. Januar 2012. Auch mehr als zwei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung ist ein dunkles Kapitel des deutsch-deutschen Kunsthandels noch nicht aufgearbeitet. Im Rahmen des 13. Kunstsachverständigentags, der herausragenden Zusammenkunft von Kunstsachverständigen in Deutschland, wird heute im Bode-Museum neben anderen interessanten Themen rund um Kunstkriminalität und Kunstrestitution auch die Kriminalisierung deutscher Sammler zum Zwecke staatlicher Devisenbeschaffung in der ehemaligen DDR behandelt.

Durch einen juristischen Kunstgriff wurden in den 1970er und 1980er Jahren private Kunstund Antiquitätensammler in der DDR zu kommerziellen Kunsthändlern, deren Sammelaktivitäten fortan als gewerblicher Handel deklariert und entsprechend besteuert wurden. „Da für jedes Objekt der aktuelle Wert geschätzt und dann die Differenz zumfrüheren Einkaufspreis gebildet wurde, entstanden schnell enorme Beträge“, erklärt Referent Dr. Ulf Bischof, auf Kunstrecht spezialisierter Rechtsanwalt, der die Erben der größten beschlagnahmten Privatsammlungen Ostdeutschlands vertritt. „Diesen Wertzuwachs setzte man einem steuerlichen Gewinn gleich und erhob hierauf Einkommen-, Umsatz- und Gewerbesteuer – obwohl der Sammler nach den in der DDR geltenden Steuergesetzen gar keinen gewerblichen Handel betrieben hatte.“ Die enorme, in kurzer Zeit zu begleichende Steuerlast konnte der einzelne Sammler faktisch nur durch die Überführung der Kunstgegenstände an den Staat tilgen. Die Sammlungen gelangten auf diese Weise zur staatlichen Kunst und Antiquitäten GmbH. Diese gehörte dem Bereich Kommerzielle Koordinierung (KoKo) an, der formal dem Ministerium für Außenhandel unterstellt war. Durch den Verkauf der Objekte konnte sich der klamme DDR-Staat Devisen beschaffen. Viele Sammler wurden im Rahmen der Steuerverfahren in Untersuchungshaft genommen oder zu Gefängnisstrafen verurteilt. Zumindest ein Betroffener wurde sogar ohne diagnostischen Grund in die Psychiatrie eingeliefert.

Keine Rechtsgrundlage für Entschädigung der Opfer
„Bittere Ironie der Geschichte ist, dass die rund 200 betroffenen Privatsammler auch nach dem Zusammenbruch des DDR-Regimes nie angemessen entschädigt wurden, auch weil ihre Stücke in den meisten Fällen verschwunden blieben“, kommentiert Dr. Bischof. Die Verantwortlichen wurden nie zur Verantwortung gezogen, da die Steuerverfahren im Gesamtkontext des im Rahmen der Wiedervereinigung zu bewältigenden Unrechts untergingen und die Hintergründe auch unzureichend untersucht waren.

„Man kann keinesfalls von einer allgemeinen Beteiligung des westdeutschen Kunsthandels an diesem perfiden Kuhhandel ausgehen“ konstatiert dazu Dr. Frithjof Hampel. „Diejenigen jedoch, die darum wussten und sich trotzdem nicht scheuten, Ankäufe zu tätigen, sollten heute über ihre damalige Beteiligung nachdenken. Die seinerzeit Verantwortlichen des Regimes sind in diesem Punkte aufgefordert, an ihren geschädigten Landsleuten Wiedergutmachung zu leisten, indem sie zu ihrer zumindest moralischen Schuld stehen“.

Im Rahmen des heutigen Kunstsachverständigentags werden noch weitere prägnante Themen wie „Das Spektrum der Kunstkriminalität aus Sicht des Kunstversicherers“ „Kulturgut im deutsch-deutschen Konflikt – westdeutsche Rückforderungsansprüche an Museen der DDR“ und „Die Bearbeitung von Kunstdelikten aus der Praxis des Landeskriminalamts Berlin“ vorgestellt. Referent des letztgenannten Vortrags ist Kriminalhauptkommissar René Allonge, der den gerade abgeschlossenen medienträchtigen Betrugsprozess gegen das Trio um den Kunstfälscher Beltracchi vorbereitet hat und u. a. auch hierüber berichten wird.
Der Kunstsachverständigentag wird alle zwei Jahre vom Bundesverband öffentlich bestellter und vereidigter sowie qualifizierter Sachverständiger e. V. (BVS) organisiert und von zahlreichen Institutionen und Verbänden aus den Bereichen Museen, Restauratoren, Versicherungen und Bestellungskörperschaften unterstützt.