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Meinungen von Sachverständigen

BVS warnt vor Vertrauensverlust

Reaktion auf ARD-Dokumentation: Sachverständigen-Verband bekräftigt Forderung, künftig auch medizinische, psychologische und psychiatrische Gutachter öffentlich zu bestellen

 

Berlin. Die Qualität medizinischer, psychiatrischer und psychologischer Gutachten, die in Gerichtsprozessen oft eine entscheidende Rolle spielen, ist ins Gerede gekommen. Kritisiert werden sowohl die mangelnde Objektivität einzelner Gutachter als auch die fachliche Qualität mancher Expertisen.

So gab bei einer als Dissertation veröffentlichten Befragung psychologischer und medizinischer Sachverständiger aus Bayern 2013 jeder Vierte an, bei der Auftragsvergabe durch die Justiz schon einmal dezente Hinweise auf das gewünschte Ergebnis erhalten zu haben. Und auch in den spektakulären Justizfällen “Kachelmann” und “Mollath” standen jeweils Gerichtsgutachter im Fokus der Kritik. Das jüngste Beispiel öffentlicher Kritik stammt indes vom WDR: Am 15. Juni strahlte die ARD dessen Reportage “Die Gutachterrepublik – Wenn das Recht auf der Strecke bleibt” aus. Anhand einzelner Fälle wurde dokumentiert, welche einschneidenden Folgen mutmaßlich fehlerhafte, interessengeleitete Gutachten für Betroffene haben können.

Die sich häufenden Klagen über unzulängliche medizinische, psychologische und psychiatrische Gutachten drohen, das Vertrauen in das Sachverständigenwesen insgesamt zu beschädigen, warnt vor diesem Hintergrund der Bundesverband öffentlich bestellter und vereidigter sowie qualifizierter Sachverständiger (BVS). „Gutachter können ihrer wichtigen Funktion nur gerecht werden, wenn ihre fachliche Qualifikation, ihre Objektivität und Integrität zweifelsfrei gewährleistet ist und allgemein anerkannt wird“, betont BVS-Präsident Willi Schmidbauer. „Dafür braucht es Autorität, die aus Vertrauen erwächst.“

Der Titel “Sachverständiger” ist nicht geschützt; prinzipiell kann ihn jeder für sich in Anspruch nehmen. Berufsständische Körperschaften können jedoch vom Gesetzgeber ermächtigt werden, im Rahmen ihrer Selbstverwaltung öffentliche Bestellungen und Vereidigungen vorzunehmen und dadurch verbindliche Standards zu setzen. Im Bereich der Wirtschaft leisten dies die jeweiligen Industrie- und Handelskammern. „Das System bewährt sich seit nunmehr rund 150 Jahren“, resümiert Schmidbauer. “Es stärkt das Vertrauen in die Qualifikation sowie Unabhängigkeit der Sachverständigen und sollte daher schnellstmöglich analog auch für Mediziner, Psychologen und Psychiater Anwendung finden.”

Der BVS als berufspolitischer Dachverband öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger wirbt seit längerem für diesen Schritt. Vor rund einem Jahr präsentierte er seinen Vorschlag in den Bundesministerien für Gesundheit sowie Justiz und Verbraucherschutz und stieß in beiden Häusern auf Zustimmung. “Wünschenswert wäre es, die gesetzlichen Grundlagen für die öffentliche Bestellung medizinischer, psychiatrischer und psychologischer Sachverständiger noch in dieser Legislaturperiode zu schaffen”, so Schmidbauer.